Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Mehr

 

Sport- und Freizeit, Spaß am Lernen

JKFV Stuttgart e.V.  aktiv   Mehr

 

 Open Mind - Jugendmedienprojekt

Name des Projekts: "Migartionsgeschichten am Neckar"

Projektzeitraum: 2009-2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das vorliegende Projekt verfolgt mehrere Ziele auf unterschiedlichen Ebenen. Zum Einen besteht das Ziel darin, einen Beitrag zur geschichtlichen Aufarbeitung der Gastarbeitermigration zu leisten. Bislang gibt es nur vergleichsweise wenige Bemühungen, vorhandenes Foto-Material in Familienbesitz systematisch zu sammeln, zu ordnen und der Öffentlichkeit zugängig zu machen. Mit Angehörigen der ersten Gastarbeiter-Generation sollen mit Begleitung von Experten-Interviews geführt werden. Die Zahl derjenigen, mit denen solche Gespräche geführt werden können, wird in den nächsten Zahlen zunehmend kleiner werden aufgrund des hohen Alters dieser Menschen. Des Weiteren besteht das Ziel für die migrantischen Jugendlichen darin, ein Teil ihrer Geschichte kennenzulernen und damit ihre eigene Situation besser reflektieren zu können. Ein übergeordnetes Interesse besteht darin, dass gerade in Stuttgart die Migrationsgeschichte ein wesentlicher Teil der Stadtgeschichte ist.

Die Ergebnisse des Projektes werden dazu beitragen zu erkennen, welche Integrationsleistungen die MigrantInnen und die Mehrheitsgesellschaft geleistet haben. Der Vergleich zwischen dem Leben der ersten Generation vor 50 Jahren und dem Leben in der Gegenwart, wird sicherlich Vorurteile, die sich auf „integrationsunwillige Ausländer“ beziehen, beseitigen können. Das Projekt wird ebenso zum besseren Kontakt zwischen den Generationen beitragen und künstlerische Fähigkeiten der Jugendlichen fördern.

 

 das Projekt wurde Gefördert vom

 

Mehr Information dazu: jkfv-stuttgart@gmx.de

 ______________________________________________________________________________

Migrationsgeschichten am Neckar

"Migrationsgeschichten am Neckar" Das vorliegende Arbeit will das Wissen zwischen den Zuwanderer-Generationen in der Neckarregion sichtbar machen. Das Projekt möchte die Kulturregion Neckar mit den Geschichten ihrer Migranten bereichern und ihre Regiongeschichte vervollständigen.

 _____________________________________________________________________________

„Wir sind30 Türkinnen

in einemArbeiterheim

die Betten sind im Zimmer auf getürmt"' 

schreibt etwa die Arbeiterin Aische in einem Kahraman-Gedicht an ihren Mann.

_________________________________________________________________________________

Der mühselige Weg nach Deutschland:

Von der Vertreibung in die Osttürkei nach Neu-Ulm. Das Leben von M. Savasan

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
(Mahmut Savasan mit Freunden bei einer Feier. Im Jahr 1968)
 

Die erste Genation der Zuwanderer aus der Türkei hält weiterhin an Hoffnung und Lebensfreude fest. Sie hat viele Migrationsbiografien: Sie kamen als Touristen, als Schüler und Studenten, viele wanderten als “Gastarbeiter” ein. Unter ihnen sind wiederum andere die vor dem offiziellen Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Türkei nach Deutschland zuwanderten. Mahmut Savasan ist einer von ihnen, der bereits von 50 Jahren nach Deuschland kam.

Unsere Gespräche über Migration und Migrantendasein führt uns diesmal zu Mahmut Savasan. In vielen Gesprächen trafen wir immer wieder auf spannende und beeindruckende Erzählungen. Die Geschichte von Mahmut Savasan ist jedoch eine besondere. Mahmut Savasan stammt aus der ostanatolischen Provinzstadt Erzincan oder wie er selbst sagt: “Ich komme aus Dersim.” Savasan kam bereits 1956 nach Deuschland.

Wir treffen Mahmut Savasan in seiner Wohnung. In gemütlicher Atmosphäre erzählt er uns seine eigene Geschichte. Unser Interview über die 45.Migration führt uns diesmal in die soziale und politische Wirklichkeit der Türkei.

Mahmut Savasan ist 1930 in Erzincan geboren. Seine Eltern stammen ursprünglich aus Ovacik/Tunceli. Schulbildung erhält er im ehemaligen Haus seines Großvaters, das leer stand. Der Dede wurde vertrieben, sein Haus in ein provisorisches Klassenzimmer umfunktioniert. Das Lesen und Schreiben brachte Savasan zum größten Teil sich selbst bei. “Mein Großvater kämpfte gegen die Hinrichtung des kurdischen Anführers Said Riza (Sey Riza), der nach dem Dersim-Aufsand 1937 mit weiteren 50 Gefolgsleuten von der türkischen Regierung hingerichtet wurde. Sein Großvater, seine Großmutter und seine Schwester wurden nach Trakien vertrieben. “Als meine Schwester jedoch zwei Jahre nach ihrem Exil ohne Erlaubnis in unser Dorf zurückkam, wurden wir allesamt nach Kesan/Enaz vertrieben. Auf der einen Seite der 2.Weltkrieg, auf der andere Seite Armut – die Vertriebenen verloren jeglichen Kontakt zueinander”, schildert uns Savasan kurz die damalige Situation.

Er erzählt weiter: “Uns ging es finanziell nicht gut. In Kesan/Enaz, in das wir vertrieben wurden, gab es kein Haus, keine Arbeit, kein Ackerland. Wir haben ums Überleben gekämpft. Als die erste Straße dann gebaut wurde, hat mein Vater mitgearbeitet. Meine Aufgabe war, Wasser und Brot zu verteilen. So verdiente ich etwas für die Familie zu. Einen anderen Weg zum Überleben gab es nicht. Meinen starken Drang nach Bildung habe ich jedoch nicht verloren. Alles, was ich zwischen die Finger bekam, las ich. Im Alter von 11 Jahren meldete ich mich selbst an der Grundschule an. Nach einem Einstufungstest wurde ich in die 5.Klasse eingeteilt. Mein Lehrer hieß Hüseyin. Ich mochte ihn sehr, er war ein guter Lehrer. Er wollte mich nach Edirne (Stadt im Westen der Türkei) zu schicken. Das war schwer, denn wir Vertriebene lebten in einem Käfig. Wir durften unser Ort nicht verlassen. Doch irgendwie schaffte ich den Weg nach Edirne. Mit falschen Papieren fuhr ich nach Edirne und meldete mich an einer Schule an. Drei Jahre lebte ich im Hotel. Das Geld für das Zimmer beglich ich, indem ich dem Sohn des Hotelbesitzers Nachhilfeunterricht gab.”

Das Abenteuer Deutschland beginnt

Nach dem Gnadenerlass der türkischen Regierung im Jahr 1947 kehren die Familienmitglieder von Savasan nach Erzincan zurück. Er hingegen geht nach Istanbul und schloss an der Technischen Hochschule in Istanbul sein Studium der Ingenieurwissenschaften erfolgreich ab. 1957 reist Savasan nach Deuschland. Seine erste Station ist Frankfurt am Main. Er will in Deutschland weiterstudieren. Um sein Studium finanzieren zu können, arbeitet Savasan in einer Lokomotivfabrik in Kassel. Mit dem ersparten Geld kehrt er schließlich nach Frankfurt zurück, wo er sein Studium beginnt. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit Nebenjobs. Nach dem Studium begann als Technischer Zeichner zu arbeiten. Doch nicht lange.

“Die Sehnsucht nach meiner Heimat war stärker”, sagt Savasan und erzählt weiter “1961 arbeitete ich einer deutsch-österreichischen Firma in Istanbul. Die Firma schickte mich nach Wien und schließlich kehrte ich nach Deutschland zurück.”

 Vom Ingenieurberuf zum Dolmetscher

1963 nimmt die Welle der in Deutschland ankommenden Gastarbeiter aus der Türkei zu. Eine große Gruppe von Gastarbeitern aus den ostanatolischen Städten Erzincan und Tunceli kommt in Hamm an. Sie sollen im Bergbau arbeiten. Unter ihnen befindet sich auch der Bruder von Savasan. Savasan besucht ihn in Hamm und macht sich selbst ein Bild über die Arbeitsbedingungen.

“Wir fuhren mit dem Aufzug in die Tiefe. Wir hatten Angst, ob der Aufzug uns auch alle tragen kann. Einige beteten sogar. Es arbeiteten mindesten tausend türkische Arbeiter. Die meisten stammen aus dem Osten der Türkei. Ich arbeitete in dieser Zeit als Ingenieur bei der Firma Demack in Duisburg. Bei jeder Gelegenheit half ich den türkischen Arbeitern durch Übersetzungstätigkeiten. Ich nahm kein Geld dafür. Aufgrund meiner sozialen Beziehungen hat mir das türkische Konsulat in Bonn eine Stelle in der Beratung angeboten. Ich nahm das Angebot an. 1967 wechselte ich dann nach Ulm, wo ich meine Tätigkeit in der Beratung fortsetzte.”

Zu seinen Gästen zählen namhafte türkische Persönlichkeiten. “Wen habe ich nicht alles empfangen! Necati Erenler, Mustafa Üstündag, Mahsuni Serif, Nesat Ertas, Sah Turna und... Mit allen pflege ich bis heute herzliche Freundschaften.”

Savasan beendet jedoch seine Tätigkeit in der Beratungsstelle und kehrt zurück in seinen alten Beruf. Er arbeitet als Ingenieur in einer Firma in Neu-Ulm. Nach kurzer Selbständigkeit geht schließlich Savasan in den Ruhestand.

Kein Hass aber auch kein Vergessen...

Mahmut Savasan hat in seinem Leben immer kämpfen müssen. Zurecht erzählt er stolz über all die Dinge, die er im Leben mühselig erkämpfen musste. Er ist heute Vater ovn vier Kinder. Zwei Töchter, zwei Söhne. Eine der Töcher ist Rechtsanwältin, die andere Friseurin. Ein Sohn arbeitet bei Mercedes in Stuttgart, der andere arbeitet als Elektriker. Sein Verhältnis zu Deutschen beschreibt er als “immer positiv”. “Ich habe versucht von ihnen zu lernen. Ich habe kein einziges negatives Wort an die Deutschen.” Während das Gespräch dem Ende zu geht, betont Savasan, dass er aufgrund der Erlebnisse niemals Hass gepflegt hat. “Bei uns gibt es kein Hass. Wir kennen Hass nicht. Der Hass ist unser Feind. Aber wir wollen nicht vergessen.”

Wir lernen sehr viel aus diesem Gespräch mit Mahmut Savasan. Es ist nur ein kleiner Auszug aus dem knapp zweistündigen Gespräch. Wir verlassen das Cafe. Mahmut Savasan hingegen macht sich auf den Weg nach Hause. Er hat morgen einen anstrengenden Gerichtstermin. Er wird als Dolmetscher für einen türkischen Mann an der Verhandlung beisitzen.

Ali Çarman/Ulm